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Osteoarthrose: Bewegung statt Operation

Letzte Aktualisierung: 06.03.2021

von Matthias Schulze

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Lesezeit: 3,0 Minuten

Osteoarthrose: Bewegung statt Operation

Arthrose trifft jeden früher oder später und bei Beschwerden wird gerne operiert. Gute Trainingspläne und Beratung helfen bei der Prävention. Die Dänen haben erfolgreich mit ihrem Präventionsprogramm gezeigt, wie man das Problem Hüft- und Kniearthrose angehen kann.

Osteoarthrose: Bewegung statt Operation

Arthrose ist eine der sogenannten Volkskrankheiten und betrifft jeden Fünften in Deutschland (Rabenberg 2013) und tritt häufig an den Knien und Hüften auf und sorgt dort für Probleme. Aus epidemiologischen Untersuchen ist bereits bekannt, dass Arthrose eher die ältere Bevölkerung in „Schach“ hält. Besonders klagen die Patienten über Funktionseinschränkungen und Schmerzen in den Knien. 
Bei Vorliegen aller folgenden 6 Symptome besteht eine 100 % Wahrscheinlichkeit, dass bereits eine Gonarthrose vorhanden ist: dauerhafter Knieschmerz, Gelenkreiben, Morgensteifigkeit, Bewegungseinschränkungen, Funktionseinschränkung und knöcherne Ausziehungen (Bender et al. 2016) Somit bedarf es keiner Röntgenaufnahme, weil diese den Diagnostiker möglicherweise auf eine falsche Fährte bringen kann. Eine Degeneration des hyalinen Knorpels kann zwar frühzeitig mit Hilfe einer Röntgenaufnahme aufgezeigt werden, aber dieser Befund muss keine klinische Relevanz haben. Nur 10 – 15 % der radiologisch diagnostizierten Gonarthrosen weisen klinische Symptome auf (DGOOC, 2018). Wodurch manche Patienten mit einem „Arthrosestempel“ versehen und zum Teil nicht weiter untersucht werden, weil Arthrose einen chronisch-progredienten Verlauf hat.

Diagnose: Arthrose – Was nun?

„Ihr Röntgenbild zeigt eine Arthrose im linken Kniegelenk. Das liegt am Alter da kann man nichts machen. Wenn die Beschwerden zu stark sind, müsste man über einen Gelenkersatz sprechen.“ So oder so ähnlich werden ein Drittel der Patienten heutzutage leider immer noch von manchen Ärzten beraten (Bleß und Kip 2017). Der operative Gelenkersatz sollte erst als allerletzte Möglichkeit in Betracht gezogen werden bei einer degenerativen Arthrose. 
Die europäischen und nationalen Leitlinien zur Arthrosebehandlung (McAlindon et al. 2014; DGOOC 2018) schlagen primär eine aktive Bewegungstherapie vor, welche mit schmerzlindernden Medikamenten bei Bedarf unterstützt werden kann. Ergänzend sollte bei Bedarf eine Ernährungsberatung stattfinden. So zeigt sich, dass immer noch ein gewisser Teil der Arthroseerkrankten nicht leitlinienkonform behandelt werden. Bedauerlicherweise werden so Betroffene ihrem Schicksal überlassen, ohne zu wissen, dass es echte Alternativen gibt.  

Dänemark geht aktiv gegen Arthrose voran

„Good Life with osteoArthritis in Denmark” wurde 2013 von Professoren der Southern University Denmark entwickelt. Die Wissenschaftler haben sich der aktuellen Forschung bedient und daraus ein Präventionsprogramm erstellt, welches nicht nur national, sondern auch international großen Zuspruch erhalten hat (Skou und Roos, 2017). 
Der Aufbau und Ablauf ähnelt einigen Präventionskursen für Rückenschule in Deutschland. Innerhalb von 8 Wochen werden den Teilnehmern Wissen zum Beschwerdebild Hüft- bzw. Kniearthrose vermittelt. Zusätzlichen findet 6 Wochen lang zweimal pro Woche ein neuromuskuläres Training statt. Das Training kann wahlweise zu Hause oder in Gruppensitzungen durchgeführt werden. Das Zirkeltraining besteht aus vier Zirkeln mit je zwei Übungen. Jede Übung kann nach Verträglichkeit des Patienten in drei unterschiedlichen Belastungsstufen angepasst werden. Jeder Zirkel hat einen Oberbegriff, nachdem die Übungen ausgewählt wurden: Rumpfstabilität, Haltungsschulung, Krafttraining für die untere Extremität und funktionelle Übungen (Roos und Skou, 2016). Das NEMEX-TJR Konzept ist eine neuromuskuläres Trainingsprogramm für die Behandlung von totalen Knie- und Hüftprothesen und dient als Vorlage der individuell angepassten Übungspläne (Ageberg et al., 2010). 
Die Dokumentation aller Patienten im GLA:D Register half die langfristige Effektivität des Programmes nachzuweisen. Absolventen des Programmes gaben auch noch ein Jahr nach ihrem Programm unter anderem eine deutliche Schmerzreduktion, Verbesserung des Gehtempos, eine Abnahme des Schmerzmittelkonsums und eine deutlich verbessere Lebensqualität an. Mittlerweile absolvierten landesweit 40.000 Dänen das Programm (Stand 2019). 

Fazit

Den Alterungsprozess kann keiner aufhalten. Wir sollten, aber nicht warten bis Symptome unseren Alltag übernehmen. Das dänische Programm GLA:D zeigt, dass Aufklärung und regelmäßige Bewegung ein gutes Mittel sind, um präventiv das Problem anzugehen und man sich nicht seinem Schicksal hingeben muss, bis der Operateur kommt und es zu spät ist.
Für Physiotherapeuten bedeutet das, nehmt die Finger weg von euren Patienten und treibt sie nicht mehr in eine Abhängigkeit durch passive Behandlungsformen. Aufklärung und Übungsprogramme sind das beste Mittel um Betroffene nachhaltig zum Manager ihres Problems zu machen. 

Literatur

zu den Übungen:

Ageberg, E.; Link, A.; Roos, E. (2010): Feasibility of neuromuscular training in patients with severe hip or knee OA: The individualized goal-based NEMEX-TJR training program. In: BMC Musculoskelet Disord 11 (1), S. 1–7.

zum Artikel:

Ageberg, E.; Link, A.; Roos, E. (2010): Feasibility of neuromuscular training in patients with severe hip or knee OA: The individualized goal-based NEMEX-TJR training program. In: BMC Musculoskelet Disord 11 (1), S. 1–7. DOI: 10.1186/1471-2474-11-126.
Bender, T.; Jobst, D.; Mücke, M. (2016): Kniegelenksarthrose im Alter: Welche Therapie hilft wirklich? In: MMW - Fortschritte der Medizin 158 (14), S. 58–63. DOI: 10.1007/s15006-016-8228-7.
Bleß, H.; Kip, M. (2017): Weißbuch Gelenkersatz: Versorgungssituation bei endoprothetischen Hüft- und Knieoperationen in Deutschland. Berlin Heidelberg: Springer-Verlag.
DGOOC (2018): S2k-Leitlinie Gonarthrose. Online verfügbar unter https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/033-004l_S2k_Gonarthrose_2018-01_1-verlaengert.pdf, zuletzt geprüft am 30.1.21.
McAlindon, T.; Bannuru, R.; Sullivan, M.; Arden, N.; Berenbaum, F.; Bierma-Zeinstra, S. et al. (2014): OARSI guidelines for the non-surgical management of knee osteoarthritis. In: Osteoarthritis and cartilage 22 (3). DOI: 10.1016/j.joca.2014.01.003.
Rabenberg, M. (2013): Arthrose. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. In: Robert Koch-Institut (54).
Roos, E.; Skou, S. (2016): GLA-D - Annual Report 2015. Online verfügbar unter https://www.glaid.dk/english.html, zuletzt geprüft am 21.1.21.
Skou, S.; Roos, E. (2017): Good Life with osteoArthritis in Denmark (GLA:D™): evidence-based education and supervised neuromuscular exercise delivered by certified physiotherapists nationwide. In: BMC musculoskeletal disorders 18 (1). DOI: 10.1186/s12891-017-1439-y.

 

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Matthias Schulze

Matthias Schulze

Matthias ist Physiotherapeut, Therapiewissenschaftler (B.Sc.) und Heilpraktiker fĂŒr Physiotherapie. Neben seinem Studium in Public Health (M. Sc.) entwickelte er ein Konzept fĂŒr Online-Physiotherapie und gibt als Dozent seine langjĂ€hrige Erfahrung im Bereich OrthopĂ€die und Sportmedizin weiter.

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